Rückblick - Clubabend Hass im Netz

Zu Gast:

Richard Gutjahr
Moderator, Journalist und Blogger

Foto © Rainer Rüffer


Moderation

Michael Hanfeld
Stellvertretender Feuilletonchef und Medienredakteur der FAZ

Foto © Rainer Rüffer

Nachholbedarf in der Analyse der Hass-Welten

Ein bewegendes Gespräch zwischen Richard Gutjahr und Michael Hanfeld

Die Sprüche „nichts ist älter als die Zeitung von gestern“ oder „das versendet sich“ haben mit dem Internet ihre Gültigkeit längst verloren. Das Netz vergisst nichts. Im Gegenteil: für Hass und Aggression bietet es eine große Plattform. Was früher belangloses Stammtischgerede war, wird in der nicht mehr ganz neuen Welt des Internets zu Material, mit dem Menschen verfolgt und fertiggemacht werden sollen. Für diese Entwicklung hat der Journalist und Blogger Richard Gutjahr auf dem Clubabend des FPC ein beeindruckendes Zeugnis an Hand seiner eigenen Erfahrungen abgelegt.

Ausgangspunkt für die zahlreichen Hass-Posts, -Mails und -Videos waren die Anschläge im Sommer 2016, bei denen Gutjahr zufällig Zeuge und dann auch Berichterstatter war: Der Anschlag mit dem Lastwagen in Nizza und eine Woche später der Anschlag im Olympia-Einkaufszentrum in München. Er wurde als Agent des CIA und des Mossad beschimpft, und es gab kaum Verbalinjurien der niedersten Art, die nicht auftauchten. Es entwickelte sich eine nicht zu stoppende Hassspirale. Gegen die geschürten Emotionen kamen Fakten und Argumente nicht mehr an.

Im Gespräch mit dem Medienredakteur und stellvertretenden Feuilletonleiter der FAZ Michael Hanfeld wollte Gutjahr seine Berichte weniger als persönliche Klage eines Opfers verstanden wissen als vielmehr einen Beitrag zur Analyse eines bedrohlichen gesellschaftlichen Phänomens. Er schilderte ausführlich die Schwierigkeiten, juristisch gegen Internetplattformen oder die Hetzer vorzugehen: Google etwa habe keine juristische Adresse in Deutschland, ein Klage müsse man folglich in den Vereinigten Staaten einreichen, wo dann ein Heer bestens ausgebildeter Anwälte damit befasst sei. Die Beschwerdeseite von Youtube sei nur mit großem Aufwand überhaupt zu finden und dann sei nach einer längeren Wartezeit eine Antwort in einer asiatischen Sprache gekommen, das alles entspreche den hauseigenen Regeln und dem amerikanischen Gesetz. In Deutschland war eine juristische Verfolgung einzelner Hetzer möglich, allerdings hätten sich mehrere einer Verurteilung mit der Behauptung entzogen, sie hätten die Beleidigungen nicht selber geschrieben.

Die Täter also die Organisatoren der Hetze selber seien überwiegend Männer im Alter zwischen 30 und 60 Jahren, die mindestens Abitur, zum erheblichen Teil auch eine akademische Ausbildung hätten. Für viele gäbe es einen narzisstischen Hintergrund, der durch die große Zahl von Followern befriedigt werde. Aber auch die wirtschaftliche Seite spiele eine Rolle, für 10.000 Views ließen sich durch Werbeeinnahmen oft renommierter und großer Firmen rund 10 € erwirtschaften. Politisch kämen diese Menschen sowohl aus dem rechten Spektrum als auch aus der Friedensbewegung. Sie seien hervorragend organisiert und hätten sehr gute Kenntnisse über die Funktionsweisen des Netzes. Sogenannte Shitstorms seien oft wochenlang vorher minutiös geplant. Ein eigenes Handbuch gebe sogar Ratschläge, wie Menschen im Netz fertig zu machen seien.

Laut Gutjahr gibt es einen großen Nachholbedarf zu analysieren und aufzuklären, wie diese Hass-Welten funktionieren und wie wir selber unwissend diese Mechanismen bedienen, um ihnen begegnen zu können. Auch Google und Facebook wirkten inzwischen paralysiert und hilflos, wie sie diese Entwicklung wieder in den Griff bekämen. Die Gäste dieses Clubabends haben ein ungewöhnlich dichtes und intensives Gespräch erlebt, das beeindruckende menschliche Aspekte gezeigt hatte und sehr viel zum weiteren Nachdenken über den Kampf gegen die Hassspiralen im Netz und die Entwicklungen in der Gesellschaft, die dies zulässt, mit auf den Weg gegeben hat.

 

Text: mü

Fotos © Rainer Rüffer