Clubabend - Pflasterstrand

Zu Gast:

Esther Schapira
Redakteurin für Politik und Gesellschaft beim Hessischen Rundfunk

Reinhard Mohr
Autor und Publizist


Moderation:

Nils Bremer
Chefredakteur Journal Frankfurt

Fotos © Rainer Rüffer

"Sous les pavés, la plage" – Der Pflasterstrand als Sprachrohr der 68er-Bewegung

Esther Schapira und Reinhard Mohr im Gespräch mit Nils Bremer


Für den Pflasterstrand, das prägende Blatt der linken Szene in den siebziger und achtziger Jahren, habe man nicht primär wegen des bescheidenen Salärs oder wegen der Profilierung der Persönlichkeit gearbeitet. So umriss Reinhard Mohr als ehemaliger Redakteur dieser legendären Publikation das damalige Selbstverständnis. Vielmehr sei das Blatt ein Produkt des Kollektives gewesen, in dem sich die Autoren zunächst eher hinter Pseudonymen wie Rudi Ratlos verbargen. Ein stringentes Konzept gab es nicht. Es wurde mehr oder weniger alles gedruckt, was die Redaktion produzierte oder was sie erreichte, auch die kleinsten privaten Probleme und natürlich konnte jeder mitreden. Eine interne Zensur gab es überhaupt nicht und Artikel wurden nur gelegentlich redigiert. Die natürlich eigenmächtigen und unzensierten Kommentare des Setzers waren ein Klassiker.

Anlässlich des 50.Jahrestages der Revolte von 1968 hat sich der Presseclub mit der publizistischen Folge dieses Jahres auseinandergesetzt, mit dem im Jahr 1976 gegründeten Pflasterstrand. Die sehr besondere Redaktionskultur dieses Mediums haben Esther Schapira, heute Redakteurin des hr-Fernsehens und Reinhard Mohr, freier Autor unter der Moderation des Journal-Chefredakteurs Nils Bremer sehr plastisch geschildert. So schilderte Schapira, dass sich die Pflasterstrand-Autoren nie an das bis heute übliche Verfahren gehalten hätten, sich Interviews autorisieren zu lassen. Dies habe unter anderem zu nicht unerheblichen Friktionen mit Joschka Fischer geführt, der sich über die unmöglichen Fragen echauffiert und verlangt habe, den Text vor der Veröffentlichung zu lesen. Doch dem wurde von dem Herausgeber Daniel Cohn-Bendit nicht nachgegeben. Eine ähnliche Konfrontation habe es mit Alice Schwarzer gegeben.

Obwohl das Blatt vierzehntägig erschien, gab es täglich Redaktionskonferenzen. Dabei ging es oft nicht nur um einzelne Artikel, sondern auch um grundsätzliche Dinge. So lieferten sich seinerzeit Schapira und Mohr heftige Gefechte über die Postmoderne oder über eine lange Strecke wurde hitzig darüber gestritten, ob man Zigarettenreklame ins Blatt nehmen sollte. Mohr schilderte die „wilde Freiheit“ für die Redakteure, die er seinerzeit sehr genossen habe, die allerdings auch zu Irrtümern, Rohheiten und Verletzungen geführt habe. Auch Schapira schätzte die große Freiheit: „Man konnte alles schreiben und war an keinerlei Linie oder Richtung gebunden.“ Allerdings beschrieb sie es auch als recht schwierig, sich in den achtziger Jahren als junge Frau in dem männerdominierten Kollektiv (Gründungsschrift: „Wir sind 18 Typen...) Gehör zu verschaffen und sich auch durchzusetzen.

Wie chaotisch und anarchisch auch immer die Arbeit gewesen sein mag. Von den großen Medien hat sie eher Anerkennung gefunden. Schapira berichtete, bei ihrer Einstellung beim hr sei ihre Karriere beim Pflasterstrand durchaus förderlich gewesen. Und als Mohr sein Vorstellungsgespräch beim Spiegel hatte, erwähnte Stefan Aust, der damalige Chefredakteur, anerkennend nicht Mohrs Artikel in anderen großen Medien sondern seine Tätigkeit beim Pflasterstrand.

 

Text: mü

Fotos © Rainer Rüffer