Rückblick Das neue Herz der Hessennachrichten

Foto © Julio Klappich

Blick in den neuen multimedialen Newsroom im HR

Die Presseclubs aus Darmstadt, Wiesbaden und Frankfurt besuchen den Bereich „Hesseninformation“ vor dem offiziellen Start

Im stillen Kämmerlein an einer Investigativgeschichte basteln, war gestern. Fortan setzt der Hessische Rundfunk auf Kooperation, vernetzte Prozesse, auch Open-Space-Work-Flow genannt. Der neue multimediale Newsroom ist am 3. September eröffnet worden. Damit hat die Anstalt ihre Prozesse auf neue Gewohnheiten und Erwartungen der Mediennutzer angepasst.

Bereits am 30. August konnten Mitglieder der Darmstädter, Wiesbadener und Frankfurter Presseclubs den neuen Bereich „Hesseninformation“ im hr-Funkhaus am Dornbusch besichtigen. Onliner, Radio- und Fernsehjournalisten arbeiten fortan gemeinsam in einem Open-Space-Büro. Gerade für die tagesaktuelle Informationsaufbereitung verspricht sich Jörg Rheinländer, Leiter des Programmbereichs, mehr Produktivität über alle Kommunikationskanäle hinweg. Selbst Technikmitarbeiter sind mit von der Partie, um sofort zur Stelle zu sein, wenn etwa Unterstützung mit der Video-Technik erforderlich ist.

Neue Arbeitsrollen verändern Hierarchien

Ziel der mit externen Transformationsberatern erarbeiteten Maßnahme, ist die Verzahnung aller medialen Produkte. Über die langfristige Themensetzung entscheidet fortan kein Redaktionschef mehr, sondern so genannte „Scanner“. Sie sitzen etwas abseits vom crossmedialen Geschehen. An einer langgestreckten Tischgruppe, nehmen sie mit Headsets Anrufe entgegen, prüfen Themen, terminieren und gewichten sie. Über die Open-Office-Planungssoftware überblicken sie Kapazitäten des Redaktionsteams und weisen Aufgaben zu. Da die Scanner je nach Einsatzplanung auch inhaltlich als Redakteure arbeiten, sind Prozesse auf allen Ebenen nachvollziehbar und erfahrbar.

Auf diese Weise entfällt die hierarchische Struktur einer üblichen Redaktion zu Gunsten der autonomen Abstimmung zwischen den Redakteuren. Jemand, der in der einen Woche als CvD arbeite, könne in der Woche darauf als Scanner oder Redakteur eingesetzt werden, sagte Rheinländer. Auch die Personalplanung werde einfacher, wenn kurzfristig jemand ausfällt.

Selbstgebaute Polstermöbel für mehr Kreativität

Flache Hierarchien sollen schrittweise in weiteren Ebenen des Funkhauses etabliert werden. Denn eine Erkenntnis aus dem mit Design Thinking erarbeiteten Veränderungsprozess ist, dass Mitarbeiter stärker einbezogen werden müssen. Im Falle von „Hesseninformation“ betrifft das nicht nur den täglichen Workflow, sondern bereits die Raumgestaltung. Verschiedene Tischanordnungen haben Berater gemeinsam mit Redakteuren durchgespielt. Auch moderne Newsrooms anderer Medien, wie etwa der BBC, haben einige Mitarbeiter besichtigt.

Das Ergebnis der Veränderungsmaßnahme lässt sich sowohl sehen als auch anfassen: Die Polstermöbel in einem offenen Entspannungsraum zwischen zwei Bereichen des Newsrooms haben die Redakteure gemeinsam gebaut. „Wir hören öfter, dass es hier wie in einem Start-up aussieht“, sagt Rheinländer. Zur Anregung der Kreativität, können Redakteure nämlich auf bunten geometrischen Polsterformen sitzen, wippen oder wortwörtlich „die Seele baumeln“ lassen. Denn von der Decke pendeln zwei Polsterschaukeln. Diese machen Arbeitsprozesse zwar nicht flotter, aber die Redakteure glücklich.

 

Text: Corina S. Socaciu

Fotos © Rainer Rüffer