Rückblick Meinungsbildung 4.0

Eine gemeinsame Veranstaltung des

und der


Drehen wir alle durch?

Eine gemeinsame Veranstaltung von FPC und DPRG zur Meinungsbildung in Zeiten des Internets


Der Prozess der Meinungsbildung hat sich mit dem Erstarken der sozialen Medien deutlich verändert – und geht mit einer Verrohung der Sitten im Internet einher. Bis hierhin war man sich bei der Veranstaltung von Frankfurter Presseclub (FPC) und Deutscher Public Relations Gesellschaft (DPRG) noch weitgehend einig. Doch: Mit dieser These endete die Einigkeit auf dem Podium auch schon, und so erwartete die Gäste hoch über den Dächern Frankfurts, im „Skydeck“ der DB Systel, eine spannende Diskussion mit streitbaren Gesprächspartnern. Nimmt das Irrationale in der Meinungsbildung überhand, drehen wir quasi zunehmend durch? Und wenn dem so ist, wie können PR-Experten und Journalisten damit umgehen?

„Vor drei Jahren wäre es völlig unvorstellbar gewesen, dass sich ein gesamtes Volk per Brexit quasi in die Arbeitslosigkeit wählt oder ein absolut inkompetenter Mann Präsident der USA wird“, brachte Moderator Matthias Dezes, Mitglied sowohl der DPRG als auch des FPC, es auf den Punkt. Das Irrationale, zeigte er auf, nimmt zu. Eine Konsequenz, mit dem sich sowohl Journalisten als auch PR-Profis immer öfter konfrontiert sehen: „Shitstorms sind das vielleicht beste Beispiel für den immer öfter zu beobachtenden Mangel an Rationalität“, so Dezes.

Die Frage nach dem Warum ist für Reinhard Schlieker, langjähriger Börsenreporter und Finanzkorrespondent des ZDF, einfach zu beantworten: „Soziale Medien führen zu einem Ungleichgewicht in der Informationsgesellschaft“, eröffnete er die Diskussion. Eliten informierten sich weiter über die Qualitätsmedien, während für andere soziale Medien zum einzigen Informationskanal mutierten. Der Einfluss von Journalisten nehme ab, während selbst große Medienhäuser dabei sein, teils heftige Kommentare in den sozialen Medien zu moderieren. „Da werden Morddrohungen aus nichtigen Gründen geäußert und Beleidigungen abgesondert, die unter die Gürtellinie gehen, und wir haben – so deprimierend das Statement ist – noch keine Ahnung, wie wir das jemals wieder einfangen können.“ Dabei veränderten sich auch gesellschaftliche Grundwerte. „Das Bewusstsein, dass meine Freiheit dort endet, wo sie die Freiheiten meines Gegenüberverletzt, geht mitunter verloren“, beobachtet Schlieker.

Gegen diese „Dämonisierung des Internets“ wehrte sich der Philosoph, Netzwerker und Unternehmer Dr. Martin C. Wolff vehement. „Es besteht keine Not, die Seiten gegeneinander auszuspielen“, plädierte er wiederholt. So beobachte er einen schwindenden Einfluss der traditionellen Leitmedien und gleichzeitig neu entstehende, mitunter qualitativ sehr hochwertige Angebote im Internet. Als Beispiel nannte Wolff den Schatz des kollaborativen Arbeitens, der sich in der Vielfalt der Erklärvideos auf der Plattform Youtube niederschlage. Als Grund dafür, dass große Medienhäuser das Internet viel zu lange weggeschwiegen hätte, macht er unter anderem „die narzisstische Kränkung von Journalisten“ aus. Plötzlich treten Nicht-Profis auf die Bühne, die Meinungen jedoch ebenso stark prägen können wie gut ausgebildete Journalisten. Da beobachte er eine mit einem Kleinkind vergleichbare Trotzphase, wenn das Geschwisterchen auf die Welt komme. Ein Gast aus dem Publikum pflichtete bei: „Wir erhalten eine Menge Konkurrenz von Nicht-Journalisten, und unsere Fehler werden sehr viel schneller sichtbar.“

Klar ist also: Sowohl für Journalisten wie PR-Profis bringen diese Veränderungen neue Herausforderungen mit sich. So sei eine Pressekonferenz etwa nicht mehr der alleinige Weg, um Informationen zu platzieren, erklärte Matthias W. Send, Kommunikations-Chef beim Ökostromanbieter entega, aus eigener Erfahrung. „Man muss soziale Medien bespielen, doch man muss sie mit Vorsicht bespielen, sonst droht ein Shitstorm“, weiß. Ein wichtiges Stichwort ist dabei Verantwortung, waren sich Podium und Publikum einig. „Wir wissen das und gehen sehr verantwortungsvoll mit den sozialen Medien um“, unterstrich Send für sein Unternehmen. Das bedeute etwa, dass Tweets oder Kommentare ebenso sorgfältig verfasst würden wie eine Pressemitteilung.

Doch sind die Leute bereits früher „durchgedreht“ oder ist die Hemmschwelle mit dem Erstarken der sozialen Medien gesunken? Sowohl Send als auch Wolff zogen eine neue „Sichtbarkeit“ zur Erklärung heran. „Zum Durchdrehen kommt es nicht erst seit dem Zeitalter des Internets“, sind sie sicher. Wolff belegte dies durch einen Exkurs in die griechische Antike, in der bereits kontrovers gestritten wurde – jedoch in anderem Rahmen als heutzutage, und PR-Profi Send berichtete von einem Indiz aus seiner eigenen Erfahrung: Morddrohungen, etwa in Zeiten der Akzeptanz-Kommunikation beim Bau von Windrädern, seien auch vor Facebook und Co. eingetroffen – und kommen bis heute vorwiegend per E-Mail oder Post ein, nicht über die sozialen Medien.

ZDF-Börsenstudio-Mann Schlieker beobachtet darüber hinaus eine gesunkene „Hysterieschwelle“: Seine – wie er eigens zugab – steile These: Die Hysterie in der Meinungsbildung steigt auch aus Langeweile vornehmlich in westlichen Industrieländern. In schwächer entwickelten Regionen hingegen verbreite sich zwar das Internet, jedoch nicht in Form von Shitstorms und Co.

Lösungsansätze sehen die Gäste unter anderem in der Schulbildung. Schlieker betonte die Bedeutung von Sozialverhalten und Betragensregeln in der Grundschule, während Wolff zur Förderung der Digitalkompetenz ein Tablet zur Einschulung eines jeden Kindes forderte. „Das wäre soziale Gleichheit.“ Eine weitere konkrete Anregung, um den Internet als rechtssicheren Raum zu gestalten: eine Anwendung des deutschen Vereinsrechts auf soziale Plattformen wie Facebook. Damit müssten Gruppen mit mehr als sieben Mitgliedern etwa einen Vorstand wählen, was für eine völlig andere Dynamik sorge, so Wolff.

Das Internet selbst, und hier herrschte abschließend doch wieder Einigkeit, sei immerhin nicht zu verteufeln. So lobte Wolff unter anderem einen Kompetenzgewinn durch die Digitalisierung, und auch Kritiker Schlieker sprach von einer nie dagewesenen Markttransparenz durch den Online-Handel. „Das Internet selbst kann letztlich nichts dafür, dass die Leute verrohen. Es ist wie ein Stück Holz: Man kann es verwenden, um jemanden totzuschlagen – oder um ein wunderschönes Kunstwerk zu erschaffen.“


Text: Jana Kötter

Fotos © Rainer Rüffer

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