MITTWOCH | 13. MAI | 19.30 UHR | ONLINE
ZU GAST
● Silke Hansen (Leiterin des ARD-Kompetenzzentrums Wetter)
MODERATION
● Jan Eggers (FPC-Vorstandsmitglied)
Text: Nele Roth
Wetterberichte gehören für viele Menschen selbstverständlich zum Alltag. Doch hinter den Vorhersagen steckt weit mehr als nur der Blick auf Sonne, Regen oder Temperaturen. Beim Online-Clubabend sprach FPC-Vorstandsmitglied Jan Eggers mit der Leiterin des ARD-Wetterkompetenzzentrums Silke Hansen über den Umgang mit dem Klimawandel in der Berichterstattung und die Frage, warum das Wetter zunehmend politisch diskutiert wird.
Vom Deutschen Wetterdienst zum ARD-Wetterkompetenzzentrum
Das ARD-Wetterkompetenzzentrum in Frankfurt ist aus einer schrittweisen Zentralisierung der Wetterarbeit entstanden. In den 60 er Jahren kamen die Wetterberichte für „Das Erste“ vom Deutschen Wetterdienst in Offenbach und wurden dann beim Hessischen Rundfunk „bebildert“.Um Inhalte verständlicher zu machen, baute der Hessische Rundfunk in den 1990er-Jahren dann eine eigene Wetterredaktion auf. 2019 entschied sich die ARD, die Produktion der Wetterberichterstattung beim HR zu bündeln und gründete zum 1.1.2020 das ARD-Wetterkompetenzzentrum. Hier arbeiten heute Meteorolog:innen, Redakteur:innen, Grafiker:innen und Moderator:innen eng zusammen. Silke Hansen, die Geografie und Klimatologie studiert hat und Ende der 1980er Jahre als „Wetterwoman“ beim Radiosender SWF3 gestartet ist, leitet heute mit viel Herzblut das ARD-Wetterkompetenzzentrum in Frankfurt, die Wetterberichte für verschiedenste ARD-Formate, u. a. die Tagesschau, und viele Landesrundfunkanstalten entstehen.
Wird das Wetter politisch manipuliert?
Diese Frage stand im Mittelpunkt des FPC-Clubabends. „Politik spielt in unseren Wetterberichten keine Rolle, wir halten uns an wissenschaftliche Fakten“, betonte Hansen, „aber unsere Wettervorhersagen werden politisch benutzt.“ Konkret lautet der Vorwurf: die ARD manipuliert bewusst Wetterkarten, um den Klimawandel dramatischer erscheinen zu lassen. Das Narrativ, dass die Wetterkarten im Vergleich zu früher heute viel „röter“ sind, ist besonders in den sozialen Medien weit verbreitet. Dazu erhalten Hansen und ihre Kolleg:innen regelmäßig Zuschriften, Beschwerden und, in seltenen Fällen, auch Morddrohungen.
„Fast jedes Jahr, werden wir mit neuen Vorwürfen konfrontiert, dass wir die Wetterkarte manipulieren und die Vorwürfe sind immer falsch.“ stellte die Journalistin klar. In einem Jahr wurde z.B. die Vorhersage der Temperaturen des kommenden Tages (die schon immer eine Farbkarte haben) mit den Aussichten verglichen (die noch nie eine Farbkarte hatten).
In einem anderen Jahr wurde die Farbskale von Anfang des Jahres mit der von Mitte des Jahres vergleichen. Das macht farblich einen Unterschied, denn die Farbskala wird über das Jahr hinweg, den Jahreszeiten angepasst. Bei einer Farbskala, die Temperaturen zwischen minus 25 und plus 40 Grad abbilden würde, wären die Farben so nah zusammen, dass man die Unterschiede kaum erkennen würde. Deswegen werden die Farbskalen regelmäßig verschoben, damit trotz steigender Temperaturen Unterschiede zwischen einzelnen Regionen sichtbar bleiben. „Wir tun das Gegenteil von dem, was man uns vorwirft.“, kritisiert Hansen. Ohne diese Anpassungen würden sich die Wetterkarten bei anhaltend hohen Temperaturen immer stärker in einem einheitlichen Rotton „auflösen“ und man würde die einzelnen Temperaturzonen nicht mehr erkennen.
Problematisch sei, dass u. a. Politiker der AfD einzelne Grafiken mit verschiedenen Inhalten miteinander verglichen. Wenn solche gezielten Falschinformationen, teilweise KI-generiert, auf Social Media verbreitet werden, versuche das Wetterkompetenzzentrum mit Aufklärungsvideos und -beiträgen, leider ohne die gleiche Reichweite, dagegenzuhalten. Was Jan Eggers mit „während sich die Wahrheit noch die Schuhe anzieht, ist die Lüge schon einmal um die Welt gerannt“ kommentierte.
„Der Klimawandel ist Fakt“
Die Einordnung von Wetterereignissen ist für Hansen eine zentrale Aufgabe des Journalismus. Dazu tauscht sie sich u. a. mit internationalen Meteorolog:innen in einer WhatsApp-Gruppe, wo rund 180 Fachleuten aktuelle Wetterlagen vergleichen und gemeinsam bewerten, aus. Dieser Austausch führe dazu, einzelne Wettereignisse in einem größeren Zusammenhang einordnen zu können. „Der Klimawandel ist Fakt.“ Und deshalb müsse man, so Hansen, trotz einer gewissen „Katastrophenmüdigkeit“ der Gesellschaft, über dieses eminent wichtige Thema weiter berichten.
Das Wetter interessiert keinen – oder doch?
Wie „unsexy“ das Thema Wetter und Klima lange Zeit war, erläuterte die ARD-Wetterkompetenzfrau anhand einer persönlichen Geschichte. Anfang der 2000er Jahre kämpfte sie beim Hessischen Rundfunk um mehr Sendezeit für die Wetterthemen. Schließlich bekam die Sendung sechs zusätzliche Minuten auf einem schwachen Sendeplatz mit nur wenigen Prozent Einschaltquote. Der Erfolg kam überraschend schnell: Die Quote stieg auf 18 Prozent. Für Hansen ein Beweis, dass das Wetter eben doch viele Menschen interessiere – wenn man es nur verständlich und spannend erzählt.
Neue Welt der Wettervorhersage: Zwischen KI und Personalisierung
Auch in der Wetterberichterstattung spielt Künstliche Intelligenz heute eine wichtige Rolle. Während die klassischen Modelle noch mit physikalischen Berechnungen arbeiten, setzen KI-Ansätze auf den Vergleich ähnlicher Wettersituationen in der Vergangenheit und erkennen Muster. „Man nimmt die Messwerte, wirft sie in einen Topf und guckt, wie in den letzten 100 Jahren bei derselben Ausgangssituation das Wetter am nächsten Tag war.“ Besonders in der Langfristprognose seien diese Modelle stark, für die Kurzfristprognose werden dagegen eher kombinierte Verfahren genutzt. Zusätzlich habe sich die Datenlage durch höher aufgelöste Satellitenbilder und feinere Rechengitter deutlich verbessert. Ein Trend ist, dass digitale Angebote heute eine individuelle Wetterprognose für den eigenen Ort erlauben. Trotz personalisierter Wetter-Apps bleibe die klassische Wetterberichterstattung, so Hansen, wichtig, weil sie Großwetterlagen einordne.
Der Online-Clubabend hat gezeigt, wie komplex moderner Wetterjournalismus geworden ist. Besonders deutlich wurde, dass die Wetterberichterstattung längst nicht mehr nur die Frage beantwortet, ob morgen die Sonne scheint. Relevant ist die Einordnung von Wetterphänomenen, die wissenschaftliche Verantwortung der Klimaexpert:innen und die journalistische Aufgabe, Wetterereignisse im Zusammenhang mit dem Klimawandel verständlich zu machen.
Der Clubabend im Video

Foto © hr /privat / Silke Hansen

Foto © Jan Eggers




