Zwischen Debatte und Tabu: Journalismus zu Frauenrechten in der Migrationsgesellschaft – Autorin und Redakteurin Ninve Ermagan berichtet

MONTAG | 19. OKTOBER 2026 | 19:30 UHR | FPC, ULMENSTR. 20, 60325 FRANKFURT

GAST:
Ninve Ermagan (Journalistin)

MODERATION:
Michaela Schmehl (FPC–Vorstandsmitglied)

Text: Petra Tursky-Hartmann und Michaela Schmehl

„Wenn du etwas ändern willst, musst du Journalistin werden“

Ninve Ermagan über Gewalt gegen Frauen, religiöse Tabus und das Schweigen der Gesellschaft

Sie berichtet über Themen, über die viele lieber nicht sprechen: patriarchale Familienstrukturen, Zwangsheirat, religiösen Druck und Gewalt gegen Frauen. Die Journalistin Ninve Ermagan gewährt Einblicke in Lebenswelten, die Außenstehenden häufig verschlossen bleiben. Beim Clubabend des Frankfurter PresseClubs am 19. September 2026 spricht sie über ihre persönliche Motivation, die Grenzen journalistischer Verantwortung und den Preis, den es kosten kann, unbequeme Wahrheiten öffentlich zu machen.

„Wenn du etwas ändern willst, musst du Journalistin werden.“ Diesen Satz ihres Onkels hat Ninve Ermagan nicht vergessen. Er wurde zum Kompass für eine junge Frau, die Ungerechtigkeit nicht einfach hinnehmen wollte. Schon als Jugendliche beschäftigte sie sich mit der Lage religiöser Minderheiten im Nahen Osten. Sie erlebte, wie der sogenannte Islamische Staat Menschen brutal ermordete, und fragte sich, warum ihnen solches Unrecht widerfuhr. Aus dem Wunsch, genauer hinzusehen und Zusammenhänge sichtbar zu machen, wurde eine journalistische Haltung.

Die 28-jährige Historikerin und Politikwissenschaftlerin mit assyrischen Wurzeln arbeitet heute als freie Journalistin für ZDF und ARD, die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die Neue Zürcher Zeitung und den SPIEGEL. Das Medium Magazin hatte sie im vergangenen Jahr als eine der besten „30 Journalistinnen unter 30“ ausgezeichnet. Beim Clubabend des Frankfurter PresseClubs sprach sie mit dem FPC-Vorstandsmitglied Michaela Schmehl über ihre Arbeit – und warum manche ihrer Themen in der öffentlichen Debatte noch immer einen blinden Fleck bilden.

Zwischen feministischen Idealen und gesellschaftlichen Tabus

Wie leben Frauen in streng religiösen Familien? Welche Regeln bestimmen ihren Alltag? Was geschieht, wenn sie sich den Erwartungen ihrer Angehörigen widersetzen? Ermagan recherchiert über patriarchale Rollenbilder, den gesellschaftlichen Druck rund um Sexualität und Jungfräulichkeit, über Zwangsheirat und sogenannte Ehrengewalt. Es sind Themen, bei denen persönliche Schicksale, religiöse Traditionen und politische Auseinandersetzungen eng miteinander verwoben sind. Die Kontrolle über weibliche Sexualität empfindet sie als Machtinstrument. Allerdings beachte sie bei diesem speziellen Thema in feministischen Kreisen eine gewisse Zurückhaltung. Die Auseinandersetzung mit frauenfeindlichen Strukturen in bestimmten religiösen und migrantisch geprägten Milieus sei leider unbequem, weil sie schnell mit Rassismusvorwürfen verbunden werde. Zugleich werde die Debatte auch durch die AfD politisch vereinnahmt und in eine rechte Ecke gedrängt. Das erschwere die sachliche Diskussion über die Betroffenen und ihre Erfahrungen.

© Petra Tursky-Hartmann

Vertrauen ist die Grundlage jeder Recherche

Wie gelangt eine Journalistin in Lebenswelten, in denen Frauen selbst gegenüber Außenstehenden kaum über ihre Erfahrungen sprechen können? Persönliche Beziehungen können Türen öffnen, die für andere verschlossen bleiben. Doch Nähe allein genüge nicht. Die Frauen müssen darauf vertrauen können, dass ihre Geschichten sie nicht zusätzlich gefährden. Bei Recherchen über sogenannte Ehrenmorde und Zwangsheiraten ist der Schutz der Protagonistinnen deshalb entscheidend. Namen und persönliche Angaben werden anonymisiert; Städte und Altersangaben dürfen nicht genannt werden, solange Frauen dadurch gefährdet werden, berichtet sie.

Aufklären statt Aktivismus

In sozialen Medien ist Ermagan nach eigener Aussage nicht aktiv. Sie wolle aufklären, ohne sich in die Rolle einer Aktivistin zu begeben. Der Journalismus ermögliche ihr Distanz, statt auf unmittelbare Empörung zu setzen. Doch Reaktionen auf ihre Beiträge zeigen, wie scharf die Auseinandersetzungen geführt werden.

„Warum ist die Mitte bei dem Thema so leise?“

In der Diskussion mit dem Publikum geht es auch um die Gefahr der Instrumentalisierung durch Rechtspopulisten. Wie lässt sich verhindern, dass Berichte über patriarchale Gewalt zur pauschalen Verurteilung von Migrantinnen und Migranten dienen? Ermagan sieht darin keinen Grund, auf eine kritische Berichterstattung zu verzichten. „Es muss mir egal sein, Applaus von der falschen Seite zu bekommen.“ Entscheidend sei für sie, sich nicht von der Reaktion des Publikums abhängig zu machen, sondern journalistisch sauber zu arbeiten. Ihre Themen seien migrationskritisch, sagt sie, weil die Probleme existierten und benannt werden müssten.

„Meine Aufgabe ist, hinzuschauen“

Journalismus allein könne Verhältnisse nicht verändern. Aber als Journalistin könne sie den Betroffenen eine Stimme geben, Tabus hinterfragen und Fakten gegen ideologische Vereinnahmung setzen. Deshalb ist der Satz ihres Onkels für sie gleichzeitig Auftrag: hinzuschauen, wenn andere wegsehen – und die Geschichten der Menschen zu erzählen, die ansonsten kein Gehör finden.

Ninve Ermagan
Foto © privat
Michaela Schmehl
Foto: © Barbara Walzer

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