FREITAG | 11. SEPTEMBER | 19.00 | FPC, ULMENSTR. 20, 60325 FRANKFURT
ZU GAST
Helmut Fricke (Fotojournalist und Redaktionsfotograf der F.A.Z.)
Alfons Kaiser (Redakteur F.A.Z.-Magazin)
Moderation
Cai Tore Philippsen (Redakteur von FAZ.NET)
„Der Anfang vom Ende des Gedruckten“
Helmut Fricke und Alfons Kaiser erinnern sich im Frankfurter PresseClub an den 11. September 2001 – und an den Tag, der auch den Journalismus veränderte
Der Clubraum des Frankfurter PresseClubs war bis auf den letzten Platz gefüllt. Groß war das Interesse an einem Abend, der exakt auf den Tag 25 Jahre danach zurückblickte und auf Bilder, die sich tief ins kollektive Gedächtnis eingebrannt haben: den 11. September 2001. Der Fotograf Helmut Fricke und der Journalist Alfons Kaiser waren damals zur New Yorker Fashion Week gereist – und wurden Augenzeugen der Terroranschläge. Gemeinsam mit Cai Tore Philippsen, Leiter der F.A.Z.-NET-Redaktion, der das Gespräch moderierte, erinnerten sie sich an die dramatischen Stunden und diskutierten über die Folgen für den Journalismus.
Als aus der Modewoche Weltgeschichte wurde
Eigentlich waren sie wegen der Mode in New York. Der F.A.Z.-Fotograf und der F.A.Z.-Redakteur waren im September 2001 zur Fashion Week gereist. Dann klingelte am Morgen des 11. September das Telefon, und Karin Truscheit aus Frankfurt berichtete von einem Flugzeug, das in das World Trade Center geflogen sei, „guckt euch das doch mal an“. Kaiser weckte Fricke, kehrte in sein Hotelzimmer zurück und schaltete den Fernseher ein – genau in dem Moment, als das zweite Flugzeug in den Südturm raste.“
„Ich pflege eigentlich immer alles dabei zu haben.“
„Dann haben wir versucht, möglichst schnell nach Downtown zu kommen“, erinnerte sich Kaiser beim Clubabend „9/11 – 25 Jahre danach“ im FPC. Zunächst per Taxi, die letzten beiden Kilometer zu Fuß gegen einen nicht abreißen wollenden Strom von Menschen. Und mittendrin Helmut Fricke mit seiner kompletten Fotoausrüstung. „Ich pflege eigentlich immer alles dabei zu haben. Alles“, betonte der erfahrene Fotojournalist. Denn für ihn war klar: Er brauchte Bilder – und dafür die richtige Perspektive. Nicht nur die brennenden Türme sollten zu sehen sein. „Mein Interesse war, die Menschen in Zusammenhang mit den Türmen zu zeigen. Und dass es New York ist, und nicht irgendwo anders.”
„Das ist irgendwie wie ein Horrorfilm“
„Habt ihr, bevor die Türme zusammenbrachen, die Gefahr überhaupt wahrgenommen oder wart ihr komplett im Reportertunnel?“ hakte Cai Tore Philippsen nach. „Da waren wir schon im Tunnel“, betonte Kaiser. Als der Südturm einstürzte, entstand mit einer Leica M6 das ikonische von der Frau mit dem Schrei. Dann raste die Staubwolke auf ihn zu. „Die hat alles geschluckt“, erzählte Fricke. Geräusche, Sicht, Orientierung. Für einen Moment herrschte völlige Stille. Kaiser dagegen war zu dem Zeitpunkt bereits Richtung Brooklyn Bridge geflohen. „Fotografen brauchen ja das Bild“, sagte er augenzwinkernd. „Also, du bist ganz plötzlich ganz allein, und das ist irgendwie wie ein Horrorfilm“, erinnerte sich Helmut Fricke. An dem Tag, so Philippsen, ist auch der Fotograf Bill Biggart, der neben dem Nordturm stand, gestorben.
© Rainer Rüffer
Die Suche nach Motiven und Geschichten
Acht Tage blieben die beiden in New York. Aus dem unmittelbaren Chaos wurden in den folgenden Tagen die Suche nach Motiven und Geschichten über Vermisste, Feuerwehrleute, Helfer und Menschen, die überlebt hatten. Die Stadt war mit Suchplakaten, wo Angehörige ihre Partner, Freunde und Kollegen gesucht haben, übersät. „Einige standen mit dem Zettel in der Hand auf der Straße, das war ziemlich ergreifend“, erinnerte sich Fricke. Aber es gab auch „typisch amerikanisch“ Heldengeschichten“, wandte sich Philippsen an Kaiser. Jan Demczur, ein Fensterputzer, und ehemals polnischer Einwanderer, hatte mit seinem Fensterwischer im steckengebliebenen Aufzug die Rigips-Wand zur Männertoilette im 50. Stock aufgekratzt, und „alle kamen durch, runter, raus, und dann fiel der Nordturm zusammen.“
„Der Anfang vom Ende des Gedruckten“
25 Jahre später ging es im PresseClub aber nicht nur um die Erinnerung an den Anschlag. Denn 9/11 war auch eine Medienzäsur. Damals fotografierte Fricke noch analog. Und während er nach dem Einsturz des World Trade Centers noch ein Labor suchte, um seine Filme entwickeln zu lassen, konnte Kaiser seine Texte bereits elektronisch verschicken. Philippsen erlebte den Umbruch auf der anderen Seite in Deutschland, denn FAZ.NET war erst wenige Monate zuvor gestartet. Am 11. September brach die noch junge Website unter der enormen Zahl der Besucher immer wieder zusammen. Bilder mussten entfernt und Inhalte reduziert werden. Doch gerade die Geschwindigkeit der Ereignisse zeigte die Stärke des neuen Mediums: Denn die Tageszeitungen konnte die ständig eintreffenden Nachrichten nicht annähernd so schnell aktualisieren wie die Internetseiten. „Das war der Anfang vom Ende des Gedruckten“, resümierte Kaiser zugespitzt. Gleichzeitig zeigte 9/11, dass Print eine eigene Stärke hatte: Ein Ereignis konnte aus vielen Ressorts und Perspektiven ausführlicher eingeordnet werden als das damals digital möglich gewesen wäre.
„Das erzählende Bild“
Besonders spannend wurde die Diskussion, als es um die Zukunft der Fotografie ging. Fricke beobachtet, dass heute der schnelle Effekt zählt. Das Internet werde in Sekundenbruchteilen durchgeklickt. Dabei gehe etwas verloren, das ihm besonders wichtig ist: „das erzählende Bild“. In einer Zeit, in der mit dem Smartphone unzählige Fotos entstehen und Bilder oft auf schnelle Effekte reduziert werden, gehe sehr leicht die Geschichte verloren, die ein Bild eigentlich erzählen soll. Deshalb sein Rat an junge Fotografen: Habt „eine Geschichte im Kopf“, lasst euch auf das Thema ein und setzt nicht nur auf den spektakulären Moment oder den perfekten Ausschnitt.
Strenge Kriterien bei der F.A.Z.
Damit eng verbunden sei die Frage nach der Grenze des Zeigbaren. Fricke sprach von einer „Schere im Kopf“: Verletzte fotografiere er nicht aus nächster Nähe, die Würde der Menschen müsse gewahrt bleiben. Auch in der Redaktion bei FAZ.NET, so Philippsen, werde immer wieder diskutiert, welche Bilder gezeigt werden und welche nicht. Das berühmte Foto des „Falling Man“ von Richard Drew wurde laut Kaiser in der Printausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung nie veröffentlicht. „Ich kann mich auch erinnern, dass Helmut auf der Brücke beschimpft wurde, als er fotografierte, erinnerte sich Kaiser. Er gehe nur seinem Beruf nach und dokumentiere ein Ereignis, stellte Fricke klar, „ich habe immer Respekt vor den Menschen“.
Zeitenwende im Journalismus
Im voll besetzten Clubraum im Palais Livingston wurden bis in den späten Abend Fragen gestellt, nachgehakt und lange diskutiert. „Ich glaube, es gibt keine Person, die nicht weiß, wo sie an diesem Tag war, und diese Bilder gesehen und erlebt hat“, hatte FPC-Vorstandsmitglied Jana Kremin den Abend im FPC eröffnet. So wurde aus dem Rückblick auf einen historischen Tag ein Gespräch über die Zeitenwende im Journalismus: über Geschwindigkeit und Sorgfalt, über Bilder und ihre Wirkung – und über die Verantwortung derer, die sie machen und veröffentlichen. 25 Jahre nach 9/11 bleibt allerdings auch eine Erkenntnis besonders aktuell: Ein gutes journalistisches Foto zeigt nicht nur, was passiert. Es erzählt, was passiert ist.

Foto © F.A.Z.

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